Vor einigen Tagen war ich wieder beruflich in einem Hotel unterwegs. Wer mich kennt, weiß: Das gehört für mich fast zum Alltag. Und doch sind es oft die kleinen Dinge, die mich am meisten beschäftigen.

Diesmal war es ein Namensschild.

Darauf stand:

„Ich bin … und ich lerne noch.“

Ich habe diesen Hinweis schon häufiger gesehen. Dieses Mal blieb ich jedoch länger daran hängen.

Nicht, weil der junge Mensch unsicher gewirkt hätte. Ganz im Gegenteil.

Sie war freundlich, aufmerksam, professionell und mit einer Selbstverständlichkeit bei der Arbeit, die mich beeindruckte. Hätte das Namensschild nichts verraten, ich wäre niemals auf die Idee gekommen, dass hier ein Auszubildender vor mir steht.

Und genau deshalb stellte ich mir eine Frage:

Warum berührt mich dieser Satz eigentlich so sehr?

Vielleicht, weil er etwas ausspricht, das wir im Berufsleben viel zu schnell vergessen.

Wir lernen alle noch.

Nicht nur in den ersten Berufsjahren. Nicht nur während einer Ausbildung. Sondern unser ganzes Berufsleben lang.

Jede neue Führungskraft lernt.

Jeder Geschäftsführer lernt.

Jeder Unternehmer lernt.

Jeder Coach, Supervisor oder Berater lernt.

Auch ich.

Nach vielen Jahrzehnten Berufserfahrung, tausenden Beratungen und unzähligen Begegnungen würde ich mir ohne Zögern ebenfalls ein Namensschild anheften:

„Ich bin Rainer. Ich lerne – immer – noch.

Lernen ist kein Zeichen von Schwäche

In vielen Unternehmen wird Kompetenz leider noch immer mit Fehlerfreiheit verwechselt.

Dabei entsteht echte Kompetenz selten dadurch, dass jemand keine Fehler macht. Sie entsteht dadurch, dass Menschen bereit sind, Erfahrungen zu reflektieren, Rückmeldungen anzunehmen und sich weiterzuentwickeln.

Wer glaubt, bereits alles zu wissen, hört irgendwann auf zuzuhören.

Wer dagegen neugierig bleibt, bleibt auch lernfähig.

Und genau darin liegt eine große Stärke.

Führung beginnt mit Demut

In meiner Arbeit begleite ich viele Führungskräfte und Teams.

Dabei fällt mir immer wieder auf: Die besten Führungspersönlichkeiten sind selten diejenigen, die auf jede Frage sofort eine Antwort haben.

Es sind vielmehr jene Menschen, die sagen können:

„Das weiß ich gerade noch nicht.“

„Lass uns gemeinsam nach einer Lösung suchen.“

„Auch ich habe heute etwas gelernt.“

Diese Haltung schafft Vertrauen.

Denn sie nimmt Druck heraus und eröffnet einen Raum, in dem Lernen möglich wird.

Eine Unternehmenskultur, in der Lernen sichtbar sein darf

Der kleine Satz auf dem Namensschild steht für weit mehr als eine Ausbildung.

Er steht für eine Unternehmenskultur. Für eine Kultur, in der Menschen sich entwickeln dürfen. Für eine Kultur, in der Fehler nicht vertuscht, sondern genutzt werden. Für eine Kultur, in der Leistung und Lernen keine Gegensätze sind.

Gerade in Zeiten permanenter Veränderungen ist diese Haltung vielleicht einer der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren überhaupt.

Nicht Perfektion macht Unternehmen zukunftsfähig.

Lernfähigkeit tut es.

Eine Frage zum Schluss

Ich musste schmunzeln, als mir ein Gedanke kam.

Wie wäre es eigentlich, wenn nicht nur Auszubildende ein solches Namensschild tragen würden?

Sondern auch wir Führungskräfte.

„Ich bin … und ich lerne noch.“

Ich frage mich, was unsere Mitarbeitenden, unsere Gäste oder unsere Kundinnen und Kunden dazu sagen würden.

Vielleicht würden sie darin keine Schwäche erkennen.

Sondern genau das, was gute Führung ausmacht: